Das Programmkino im Prenzlauer Berg.

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Filmreihe

Vergangene Zukunft – Zwei Jahrzehnte Annekatrin-Hendel-Filme

Vaterlandsverräter

in Anwesenheit von Annekatrin Hendel und Knut Elstermann

D 2011, 97 min, Buch & Regie: Annekatrin Hendel

Der größte Feind im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant. Diesen Spruch seiner Mutter hatte der Schriftsteller Paul Gratzik, aus einfachen Verhältnissen in den 1970ern zu einem gefeierten Vertreter der DDR-Literaturszene emporgestiegen, immer im Ohr. Trotzdem war er 20 Jahre lang Inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Staatssicherheitsdienstes, schrieb Berichte über Freunde und Förderer wie Heiner Müller, Steffie Spira und Ernstgeorg Hering. Anfang der 1980er stieg Gratzik aus, enttarnte sich selbst und wurde seinerseits zum Objekt der Stasi-Beobachtung. Vaterlandsverräter ist das filmische Porträt eines vom Kommunismus überzeugten Mannes „mit lautem Wesen“, dessen Leben ein Zickzack zwischen den Extremen war. Eine Geschichte, wie sie so, mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR, noch nicht erzählt worden ist.
So schwer, wie man zu ihm hinkommt, kommt man auch an ihn heran. In einem abgelegenen Teil der Uckermark kämpft sich die Regisseurin Annekatrin Hendel durch den Schnee. Es ist der Drehstart für einen Film über den 75 Jahre alten Schriftsteller Paul Gratzik, Stasi-Zuträger, Aussteiger, Dissident. Das erste, was Gratzik trotzig von sich gibt ist: Über die Stasi rede er nicht. Das könne sie, Annekatrin Hendel, sich aus dem Kopf schlagen. Punkt. Aber es gibt diesen Film doch. Er ist einerseits das Psychogramm eines widersprüchlichen Exemplars “Mann” in seinen Extremen: Satyr, Verführer, Radikalist und Eremit. Andererseits liegt mit Vaterlandsverräter eine Geschichte über die DDR, ihre Kritiker und die Stasi vor, wie sie, 20 Jahre nach ihrem Ende, noch nicht erzählt worden ist. Gratzik hat seine Arbeit als IM wegen Vaterlandsverrat, dem der Funktionäre an den Menschen in der DDR, beendet und sich geoutet. Die Konsequenzen, nicht mehr veröffentlichen zu können und selbst bespitzelt zu werden, nimmt er damit in Kauf.
Annekatrin Hendel ist es gelungen, ein Leben nachzuzeichnen, an dessen Ende ein Mann steht, den man verfluchen und gern haben muss, gleichzeitig. Für den Film zieht sie mit ihm durch wichtige Stationen seines Lebens und erlebt die Härten seines Alltags. Zu Wort kommen eine verflossene Liebe, seine erwachsenen Kinder, Freunde, Kollegen, sein Führungs-Offizier und ein IM, der später auf ihn angesetzt wird.
Und natürlich Gratzik selbst, seine Erinnerungen, seine Texte und die von ihm verfassten Stasiberichte. Dass er, der sich gerne um Kopf und Kragen redet, dabei letztlich keine Erwartungshaltung bedienen muss, ist der sensiblen Handschrift dieser Filmemacherin zu verdanken. Und ihrer hartnäckigen Neugier: dass er dann zwar doch mit ihr redet, sich aber in seiner ihm immanenten Zerrissenheit und Sturheit treu bleiben darf. Annekatrin Hendel verzichtet von vornherein auf die “Moral von der Geschicht’” und kann resümierend damit leben, dass Täter und Opfer in einer Person sich vor allem zu „Mensch“ neutralisiert.

Welturaufführung Berlinale 2011, verschiedene Preise: u.a. Grimme-Preis 2013

Di
02.06.
20:00
in Anwesenheit von Annekatrin Hendel und Knut Elstermann
Tickets

Vergangene Zukunft – Zwei Jahrzehnte Annekatrin-Hendel-Filme

Eine Retrospektive mit vielen Gästen, kuratiert von Nina Teubner

30. Mai – 11. Juni

Vaterlandsverräter

Vom 30. Mai bis 11. Juni 2026 präsentiert das Lichtblick-Kino eine Retrospektive des filmischen Schaffens von Annekatrin Hendel und ihrer Produktionsfirma IT WORKS! Medien und lädt dazu ein, zwei Jahrzehnte eines außergewöhnlichen dokumentarischen Werks neu zu entdecken.

Seit über zwanzig Jahren prägt die Produzentin und Regisseurin Annekatrin Hendel die deutsche Dokumentarfilmlandschaft maßgeblich – mit bildgewaltigen, präzisen und zutiefst menschlichen Kino-Dokumentarfilmen, entstanden aus einer solidarischen Filmfamilie heraus.

Die Filme erzählen von gesellschaftlichen Umbrüchen, Arbeitswelten sowie von Künstlerinnen und Künstlern – intime Porträts und präzise Zeitdiagnosen. Ein besonderer Fokus liegt auf Hendels eigener Regiearbeit, darunter die Verrats-Trilogie (Vaterlandsverräter, Anderson, Familie Brasch), ergänzt durch Arbeiten enger Weggefährt*innen.

Zahlreiche Gespräche mit Filmschaffenden und Protagonist*innen vertiefen die Filme und eröffnen Einblicke in ihre Entstehung und die verhandelten Themen.

 

Fr 24.04.

keine Vorstellung
Mai

Fr 01.05.

keine Vorstellung
Ausblick:
Juni